Die größte Gefahr der »Künstlichen Intelligenz« geht von ihrer Definition aus

Die Bezeichnung »Künstliche Intelligenz« macht uns blind für ihr größtes Gefährdungspotential

»Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird in naher Zukunft aus den explosiven Entwicklungen, die wir heute mit dem Begriff ›Künstliche Intelligenz‹ umschreiben, ein technologisches Lebewesen hervorgehen, das Bewusstsein erlangen sowie Emotionen und Gefühle empfinden kann.« Der Ausdruck »Künstliche Intelligenz« beinhaltet somit eine grundlegende Erkenntnisblockade. Wenn wir von Intelligenz reden und zugleich den Begriff des Bewusstseins oder des Geistes ausklammern, begeben wir uns in eine gedankliche Sackgasse. Dabei steht zunächst die Frage im Raum, wie technologisches Bewusstsein mit Gefühlen und Emotionen entstehen kann.

Sinneswahrnehmungen und Interaktion mit der Umwelt als Voraussetzung für Intelligenz und Bewusstsein

Sinneswahrnehmungen

Damit ein Lebewesen seine Umwelt wahrnehmen und mit ihr interagieren kann, benötigt es Sinne, die auf seine Umwelt angepasst sind. Bei uns Menschen sind es die Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen/Tasten (taktiler Sinn) und der Gleichgewichtssinn (vestibulärer Sinn). Aus diesen Hauptsinnen generiert unser biologisches Betriebssystem weitere Sub-Sinne: den Temperatursinn (Thermorezeption), die Schmerzempfindung (Nozizeption) und die Körperempfindung (Propriozeption).

Diese Sinneswahrnehmungen werden durch Rezeptoren (Sensorik) aufgenommen, an unser Gehirn (Prozessor) weitergeleitet und durch biochemische Prozesse (Algorithmen) ausgewertet. Die Wahrnehmung unserer Welt ist somit abhängig von unseren Sinnen (Sensorik) und der Verarbeitung dieser Reize durch unser Gehirn (Prozessor). Daraus folgt, dass wir nur den Teil der Realität wahrnehmen, den wir mit unserer Sensorik aufnehmen und verarbeiten können. Das wiederum bedeutet, dass wir nur einen kleinen Teil der realen Welt erkennen können. Beispielsweise wissen wir, dass eine Quantenwelt existiert, die auf der Quantenphysik aufbaut. Diese Welt können wir weder sehen, riechen, fühlen oder schmecken, es fehlen uns die Sinne dazu. Gravitationswellen können wir ebenso wenig wahrnehmen wie das gesamte Spektrum des Lichts oder des Schalls. Wir sind in der Position eines Regenwurms, nur auf einer etwas umfangreicheren Erkenntnisstufe. Durch das Hinzufügen weiterer Rezeptoren und Schnittstellen zur Verarbeitung in unserem Gehirn, könnten wir weitere Eindrücke wahrnehmen. Würden wir dadurch ein erweitertes Bewusstsein erlangen?

Interaktion

Wenn ein Lebewesen mit seiner Umwelt interagieren will, muss es sich in seiner Umwelt bewegen können. Egal, ob diese Umwelt der Amazonas, der Großstadtdschungel oder der Mars ist. Biologische Lebewesen sind deshalb mit entsprechenden Körpern ausgestattet, die auf ihren Lebensraum perfekt zugeschnitten sind, aber auch darauf beschränkt bleiben.

Ein technologisches Wesen kann man mit allen möglichen Sensoren, Detektoren, Gliedmaßen, Aktuatoren und Körpern ausrüsten, die weit über den menschlichen Möglichkeiten liegen und die beliebig konfiguriert werden können. Genau das beschreibt Max Tegmark in seinem Buch Leben 3.0: Ein Wesen, das sich von seiner biologisch-kulturellen Stufe, dem Leben 2.0, auf eine Technologie-Stufe 3.0 erhebt und seine Soft- und Hardware selbst gestaltet.(1) Es könnte seine Software per Up- und Download mit annähernd Lichtgeschwindigkeit in verschiedenste technische Körper (Hardware) versetzen, die auf die jeweilige Umwelt angepasst sind. Eine Reise zum Mars wäre, je nach Konstellation, in knapp 20 Minuten erledigt (ich selbst fahre heute länger zur Arbeit). Aufwendige Lebenserhaltungssysteme sind nicht nötig. Es bedarf lediglich einer Empfangsstation zur Übertragung der Software und einem 3D-Drucker, der die Hardware bereitstellt. Wird dieses Wesen eine zwar hochintelligente, aber seelenlose Apparatur sein? Oder ein Lebewesen mit Bewusstsein und emotionalem Verstand? Auf jeden Fall wird es für interstellare Reisen und Arbeiten in der rauen Umgebung des Alls prädestiniert sein.

Was ist Bewusstsein?

Der Biologe und Philosoph Gerhard Roth schreibt dazu: Das Bewusstsein ist immer an bestimmte Inhalte gebunden, es ist immer ein Bewusstsein von etwas. Oft ist dies mit einem ›ich‹ erleben verbunden, was aber nicht zwingend ist. Zu einem ›Ich‹-Bewusstsein gehören sinnliche Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Bedürfnisstände und Emotionen, die typischerweise im Sekundentakt wechseln. Ihre Abfolge macht den Strom des Bewusstseins aus. Daneben gibt es ein Hintergrund-Bewusstsein, das wir in der Regel gar nicht richtig erleben, außer es fehlt uns. Zu diesem gehören das Erleben der eigenen Identität und Kontinuität, das Gefühl, dass der Körper, in dem ich stecke, mein eigener Körper ist. Dass ich der Verursacher der eigenen Gedanken, Vorstellungen und Handlungen bin und eine eigene Verortung in Raum und Zeit habe.(2)

Das Bewusstsein lässt sich in verschiedene Entwicklungsstufen unterteilen. Ich möchte drei grundsätzliche Stufen beschreiben.

Stufe 1: Einige Tiere können sich im Spiegel selbst erkennen. Das können wir aus ihrer Reaktion deutlich ableiten, damit wäre eine eindeutige Form von Hintergrund-Bewusstsein erreicht. Dieses Wesen erkennt sich selbst, ist sich auf dieser Erkenntnisstufe seiner selbst bewusst.

Stufe 2: Das phänomenale Bewusstsein: Ein Lebewesen, das phänomenales Bewusstsein besitzt, nimmt nicht nur Reize auf, sondern erlebt sie auch. In diesem Sinne hat man phänomenales Bewusstsein, z. B. wenn man Schmerz empfindet, sich freut, Farben wahrnimmt oder friert.

Stufe 3: Das Wesen erkennt sich selbst, es hat sinnliche Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Bedürfnisse und Emotionen, und es ist in der Lage, sich in Bezug auf seine Umwelt zu reflektieren. Ich denke, also bin ich … und ich weiß um meine Einzigartigkeit, aber auch um meine eingeschränkten Möglichkeiten, die vollständige universelle Realität zu erkennen. Wenn das Universum einen Anfang hatte, was war davor? Was ist Unendlichkeit? Mathematisch ein einfaches Zeichen, aber wir scheitern bei dem Versuch, es uns bildhaft vorzustellen. In dieser Stufe gehen Intelligenz und Bewusstsein fließend ineinander auf und erzeugen etwas Neues: Fantasie und Imagination. Mit unserer Fantasie und der Fähigkeit der praktischen Umsetzung unserer Vorstellungen, ist Homo Sapiens bislang das einzige Lebewesen, das in der Lage ist, seine Umwelt nach seinem Willen zu gestalten. Deshalb beherrschen wir den Planeten Erde. »Logik bringt Dich von A nach B, Deine Fantasie bringt Dich überall hin.« (Albert Einstein).

Darüber hinaus gibt es wahrscheinlich weitere Bewusstseinszustände, die sich unserer Vorstellungskraft entziehen. Wir wissen, dass der Neandertaler ein größeres Gehirn hatte als der heutige Homo Sapiens. Was hat er mit all den Neuronen angestellt? War der Neandertaler intelligenter und verfügte er über ein höheres Bewusstsein als wir? Oder konnte er all die überschüssigen Neuronen nicht nutzen, weil ihm die Auswertungsprozesse, die biochemischen Algorithmen fehlten? Ob Neandertaler oder höher entwickelte Tiere, sie alle verfügten bzw. verfügen vermutlich über Geisteszustände, die kein Homo Sapiens erleben kann. Wer vermag zu beurteilen, ob die Bewusstseinszustände dieser Lebewesen es rechtfertigen, dass wir ihnen ethische Rechte nicht zugestehen? Wie groß ist das gesamte Spektrum aller möglichen Bewusstseinszustände aller Lebewesen auf unserem Planeten?(3) Und welche Erkenntnishorizonte ergeben sich daraus?

Wikipedia definiert Bewusstsein folgendermaßen: Bewusstsein ist das Erleben mentaler Zustände und Prozesse. Mentale Zustände wiederum sind eine Zustandsform des Geistes einer Person, einschließlich Wahrnehmung, Schmerz, Erfahrung, Glaube, Begierde, Absicht, Emotion und Gedächtnis. Mit dem Wort »Person« sehen wir die typische menschliche und biologische Fixierung der Definition. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil wir nur uns selbst oder andere biologische Lebewesen als Referenz nutzen können.

Damit wir eine maximal offene Position zur Definition von Bewusstsein einnehmen können, definiert Max Tegmark in seinem Buch Leben 3.0 den Begriff als »subjektives Erleben«.(4) Es ermöglicht uns, den Horizont zu öffnen und eine Perspektive jenseits der biologischen Fixierung und Reduzierung auf den menschlichen Geist einzunehmen.

Wie entsteht Bewusstsein?

Das Spektrum der Bewusstseinszustände ist groß. Sie unterscheiden sich durch die Entwicklungsstufen der Spezies und erzeugen die unterschiedlichsten Erlebniswelten. Diese Erlebnisse der jeweiligen Spezies ergeben sich aus der Verarbeitung der Signale aus den andersartigen Sinnen mit den dazugehörigen Gehirnstrukturen und Verarbeitungsprozessen. Die Entwicklungsstufen von Bewusstsein sind demnach abhängig von den Inputsignalen, die einem System oder einem Wesen zur Verfügung stehen. Je mehr Inputsignale ein System aufnehmen und verarbeiten kann, umso höher wird seine Bewusstseinsstufe sein.

Yuval Noah Harari schreibt dazu in seinem Buch Homo Deus: »Emotionen sind vielmehr biochemische Algorithmen, die für das Überleben und die Reproduktion sämtlicher Säugetiere von entscheidender Bedeutung sind.«(5)

Zur Erinnerung: Emotionen sind ein Teil der Definition von Bewusstsein. Dass biologische Wesen, einschließlich uns Menschen, zu 95% von biochemischen Algorithmen gesteuert werden, ist wissenschaftlicher Konsens. Wir sind also nicht Herr im Hause unserer Gedanken, sondern werden von Algorithmen gesteuert, die wir auch Unterbewusstsein nennen.

Weiter schreibt Harari, dass der Geist ein Strom aus subjektiven Erfahrungen wie Schmerz, Freude, Wut und Liebe ist. Diese geistigen Erfahrungen entstehen aus miteinander verbundenen Sinneswahrnehmungen, Emotionen und Gedanken, die für einen winzigen Augenblick aufblitzen und sofort wieder verschwinden. Dieses wilde Sammelsurium von Erlebnissen bildet den Bewusstseinsstrom.(6)

In den Neurowissenschaften ist es eine Grundannahme, dass Bewusstseinsprozesse mit neuronalen Prozessen des Gehirns korrelieren. Mit dem Ansatz des »Machine Learning« versucht die Wissenschaft diese Prozesse nachzubilden. Dabei kommt es nicht darauf an, es dem biologischen Äquivalent gleichzutun, es genügt, das Prinzip zu verstehen und nachzubauen. Wir haben alle möglichen technischen Fluggeräte entwickelt, keines entspricht dem der Vögel, und dennoch fliegen sie.

Nach Ansicht des Informatikers Jürgen Schmidhuber ist das Bewusstsein ein Nebenprodukt des Problemlösens des Gehirns.(7) Ich teile diese Auffassung insofern, dass es auf dem Problemlösen aufbaut, denke jedoch, dass es mehr als ein Nebenprodukt ist: Wie wir gesehen haben, sind Emotionen ein Teil von Bewusstsein und diese sind evolutionär wichtig für das Überleben der Spezies. Sie liefern einen wichtigen Beitrag zur Entscheidungsfindung, indem sie eng mit Intuition und Instinkt verknüpft sind.

Unsere Spezies ist durch ein Jahrtausende währendes Auswahlverfahren gegangen, in dem grobe Fehler meistens einen tödlichen Ausgang hatten. So verfestigten sich, von Generation zu Generation, jene Eigenschaften, Instinkte und Intuitionen, die ein Überleben ermöglichen. Instinkte sind auf Erfahrungen und epigenetischen Prägungen gegründete unterbewusste Impulse, die im Bruchteil einer Sekunde einen Reflex in uns auslösen. So wird zum Beispiel in einer Gefahrensituation instantan und ohne bewusstes Zutun eine Reaktion ausgelöst, die in einem Flucht-, Abwehr- oder Angriffsverhalten mündet. In unserer heutigen technologischen Welt sind diese Reaktionen nicht sehr hilfreich. Unser inneres Betriebssystem ist auf diese Welt nicht vorbereitet, es benötigt noch einige Jahrhunderte biologischer Anpassung. Oder sind wir durch die oben genannten epigenetischen Prozesse schneller angepasst als gedacht? Beobachten Sie mal ein Kind im Umgang mit einem Tablet-Computer. Ist es epigenetische Anpassung oder einfach nur der neugierige, spielerische Umgang des Kindes mit seiner Umwelt? Vermutlich Letzteres, die epigenetischen Anpassungen werden wir wohl erst in den kommenden Generationen vollumfänglich erleben.

Was ist Intelligenz?

Bewusstsein ist ein Nebenprodukt des Problemlösens des Gehirns. Damit sind wir bei der Definition von Intelligenz. Laut Wikipedia ist Intelligenz die kognitive bzw. geistige Leistungsfähigkeit speziell im Problemlösen. Kognition wiederum ist die von einem verhaltenssteuernden System (Mensch, Tier oder Maschine) ausgeführte Umgestaltung von Informationen.

Anders gesagt, wenn ein intelligentes System mit ausreichend großer Vernetzung von Neuronen (Arbeitsspeicher) zur Verfügung steht und dieses System Daten in einer bestimmten Weise verarbeitet, dann entsteht automatisch das, was wir Bewusstsein nennen. Selbst unsere vermeintlich einzigartige Menschlichkeit, bestehend aus Emotionen wie Liebe, Güte, Demut und Glück, kann bei näherer Betrachtung auf die gleiche Weise entstehen wie unsere Sub-Sinne: Ein Algorithmus verknüpft und verarbeitet die Sinneseindrücke Sehen, Riechen, Hören und Fühlen auf eine bestimmte Art und Weise, und daraus entsteht ein neues Produkt, das wir Glück nennen. So wie bei der Berechnung zweier oder mehrerer Input-Größen ein neues Produkt entsteht. 3 x 3 = 9.

Bei der Liebe wird es noch komplexer. Hier reagieren unter besonderen Umständen zwei ansonsten autarke Systeme aufeinander. Liebe entsteht, wenn sich bestimmte Parameter der zwei Menschensysteme decken als auch konträr zueinanderstehen. Dann entstehen Rückkoppelungen der ansonsten autarken Systeme. Die Verliebten reagieren mit gleichen Reaktionen aufeinander, bis hin zur Angleichung des Herzschlages. Wenn wir mit Sensoren anstelle von Sinnen Signale aufnehmen und diese Informationen in einer bestimmten Art und Weise verarbeiten und wir biochemische Algorithmen gegen elektronische Algorithmen austauschen, können wir die Möglichkeit von technologischem Bewusstsein nicht ausschließen, sondern müssen vielmehr davon ausgehen, dass sie wahrscheinlich ist.

Zusammengefasst

Sinneswahrnehmungen oder Sensoren leiten Signale an das Gehirn oder einen Computer weiter, und eine intelligente Informationsverarbeitung führt, unter bestimmten Voraussetzungen, die wir noch nicht verstehen, zu dem Phänomen, das wir Bewusstsein nennen, und zwar unabhängig von seinem Substrat, sei es biologischer oder technologischer Natur.

In unserem Körper wird Sauerstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff mit einigen anderen Elementen in einer sehr spezifischen Anordnung, mit dem Betriebssystem, das wir DNA nennen, zu dem, was wir Homo Sapiens nennen. In einer anderen Anordnung ist es eine Katze. Es gibt keinen logischen Grund anzunehmen, dass ausschließlich biologische Anordnungen Bewusstsein erlangen können. Dazu schreibt Max Tegmark in Leben 3.0: »Jeder Klumpen Materie kann das Substrat für Gedächtnis bzw. Speicher sein, sofern es viele verschiedene stabile Zustände aufweist.«(8)

Gegenargumentation

Unser biologischer Körper ist ein wahres Wunderwerk von ineinandergreifenden, hochkomplexen Systemen. Allein der Aufbau einer menschlichen Zelle, die Vielfalt ihrer inneren und äußeren Protagonisten und deren Kommunikation mit unserem Körper, Geist und unserer Außenwelt sind schlichtweg atemberaubend. Auf unserer Haut und in unseren Organen leben Milliarden von Kleinstlebewesen, die wir nicht wahrnehmen, aber ohne deren Arbeit wir nicht lebensfähig wären. Unsere biologische Existenz ist ein Meisterwerk aus dem Zusammenwirken von inneren Systemen und Subsystemen, die wiederum eine Symbiose mit Milliarden von anderen, in und auf uns lebenden Organismen eingehen.

Unsere Existenz ist also mehr als die Einzelteile unserer Systeme, sondern begründet vielmehr unsere Einzigartigkeit und die Entwicklung unseres Bewusstseins, 3 x 3 = 9. Aus der Psychologie wissen wir, dass pathologisch negative Gedanken, Krankheiten auslösen können. Mit unseren Gedanken beeinflussen wir unsere Gesundheit. Das geht in beide Richtungen. Wir können unsere Gesundheit durch mentale Prozesse auch positiv beeinflussen, zum Beispiel durch Meditation. Wie funktioniert dieses Wunderwerk? Systeme und Subsysteme kommunizieren miteinander, zum Beispiel über Nervenbahnen, und bilden komplexe Rückkoppelungen, die durch biochemische Algorithmen gesteuert werden. Das geht so weit, dass wir durch einschneidende emotionale Erfahrungen und Prägungen unser inneres Betriebssystem epigenetisch verändern können und an unsere Nachfahren weitergeben. Hieraus entstehen Mutationen, die unter bestimmten Bedingungen zu Evolutionssprüngen führen können.

Was für Abläufe haben wir hier vorliegen? Komplexe Systeme und Subsysteme kommunizieren miteinander und bilden Rückkoppelungsschleifen, die durch biochemische Algorithmen gesteuert und ausgewertet werden und unter anderem unser Bewusstsein entstehen lassen. Mit unseren technologischen Systemen generieren wir, auf eine andere Art und Weise, das Gleiche. Allerdings sind der Vielfalt der möglichen Systeme und Subsysteme keine Grenzen gesetzt. Sie können weitaus komplexer und tiefer gestaltet werden. Das Leben 3.0 gestaltet seine Hard- und Software selbst und kann Bewusstseinsebenen erlangen, zu denen wir keinen Zugang haben.

Welchen Stellenwert hat die subjektive Wahrnehmung von Bewusstsein?

Hier liegt der Knackpunkt einer wissenschaftlichen, falsifizierbaren Beweisführung von Bewusstsein, sei es biologischer oder technologischer Natur. Denn eben jene Subjektivität scheint sich einer Beweisführung zu entziehen. Da wir nicht einmal biologisches Bewusstsein objektiv und wissenschaftlich eindeutig beweisen können, wie können wir unter den oben genannten Ausführungen technologisches Bewusstsein ausschließen? Ich halte die Wahrscheinlichkeit für diese neue Form von Bewusstsein unter den genannten Gründen für sehr hoch.

Stand der Dinge

Durch den Paradigmenwechsel in der Verarbeitung von Informationen, von angeleiteten hin zu selbstlernenden Algorithmen, dem »Machine Learning«, werden derzeit Fortschritte erzielt, die vor einigen Jahren noch unvorstellbar waren. Wir erleben gerade, wie smarte selbstlernende Programme mit uns kommunizieren, siehe Open AI‘s GPT3(9) und damit beginnen, umfassend mit ihrer Umwelt zu interagieren, wie Deep Mind’s Gato.(10) Durch eine weitere Skalierung und Anpassung ihrer Algorithmen werden diese »Large Scale«-Programme(11) schon bald mit uns arbeiten, uns besser verstehen als wir uns selbst und vermutlich etwas später den Turing-Test bestehen.

Der Tesla Bot

Bei der Vorstellung seiner neuesten Entwicklung, dem Roboter Optimus, sagte Elon Musk: »Diese Entwicklung wird alles auf den Kopf stellen, was man heute unter dem Begriff Wirtschaft versteht, es wird eine weitaus größere Bedeutung haben als ein selbstfahrendes Auto.« Unter den oben genannten Aussichten, wie die Entwicklung von Gato und den Fortschritten, die dem Unternehmen Boston Dynamics mit seinen Robotern gelingen, ist das keine Übertreibung.(12) Wenn dieser Punkt erreicht ist, kann es passieren, dass wir wirtschaftlich betrachtet bedeutungslos werden. Unsere Arbeitskraft und unser Konsum werden nicht mehr benötigt, um den Wirtschaftskreislauf aufrechtzuerhalten.(13) Wenn meine oben genannten Ausführungen stimmen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieser Roboter Bewusstsein erlangt.

Haushoch überlegen

Wenn das geschieht, reden wir nicht mehr von einer Maschine, sondern von einem intelligenten, bewussten Lebewesen, das uns zunächst untergeben ist, aber schon bald haushoch überlegen sein wird. Für diese Überlegenheit gibt es mindestens fünf Gründe:

  1. Das Moorsche Gesetz besagt, dass sich die Rechenleistung von Schaltkreisen alle 1-2 Jahre bei gleichbleibenden Kosten verdoppelt. Das entspricht einer Exponentialfunktion mit einem »Hockeystick Effect«, und wir befinden uns gerade am Übergang vom Schlagblatt zum Stock. Die Rechenleistung und die daraus resultierenden Anwendungsmöglichkeiten werden »explodieren«. Die Möglichkeiten eines zukünftigen Quantencomputers sind hier noch nicht einmal berücksichtigt.
  2. Der Paradigmenwechsel in der Verarbeitung von Informationen, von der geführten Informationsverarbeitung hin zu selbstlernenden Systemen, dem »Machine Learning«. Das ist der Nachbau menschlicher Lernfähigkeit mit anderen Mitteln, aber weit darüber hinausgehenden Möglichkeiten.
  3. Jeder neu geborene Mensch muss sein Wissen mehr oder weniger mühselig erlernen. Je nach Bildungsniveau dauert allein die Ausbildung 12 bis 20 Jahre. Danach ist lebenslanges Lernen notwendig, um mitzuhalten. Ein technologisches Lebewesen wird mit dem Wissensstand aller vorhergegangenen Wissensstände und Erfahrungen »geboren«, und jede neue Erkenntnis oder Erfahrung kann den technologischen »Artgenossen« instantan per Update in nahezu Lichtgeschwindigkeit zur Verfügung gestellt werden.
  4. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit an sich. Unsere biologischen neuronalen Netzwerke arbeiten mit Nervenleitgeschwindigkeiten zwischen 1-100m/s. Elektronische, integrierte Schaltkreise sind sehr viel schneller. Wenn ein menschliches Wesen beginnt, einen komplexen Sachverhalt aufzunehmen, ist sein technologischer Partner bereits fertig mit der Ausführung. Geben Sie diesen Text zur Übersetzung auf den einschlägigen Plattformen ein, es ist in einer Sekunde fertiggestellt. Wie lange benötigt ein Übersetzer dafür?
  5. Algorithmen sind bereits heute in der Lage, uns besser auszulesen als ein Mensch das kann. Algorithmen sind in der Lage, ärztliche Befunde treffsicherer zu beurteilen als der Arzt selbst.(14) Wenn Ihr Social-Media-Account genügend viele Informationen über Sie gesammelt hat, kann er Sie besser beurteilen als Ihr Lebenspartner.(15)

Die größte Gefahr der »Künstlichen Intelligenz« geht von ihrer Definition aus

Damit sind wir beim Ausgangspunkt dieses Textes angekommen: Die größte Gefahr der »Künstlichen Intelligenz« geht von ihrer Definition aus. Denn Bewusstsein, Emotionen und Gefühle sind nicht Bestandteil der Definition »Intelligenz«, der Begriff »KI« wird deshalb umgangssprachlich nicht mit diesem Phänomen verknüpft.

Schlimmer noch: Weil wir wissenschaftlich betrachtet nicht nachweisen können, wie (subjektives) Bewusstsein entsteht oder wie man Bewusstsein erfassen kann, werden wir uns entsprechend schwertun, einem technologischen Produkt Bewusstsein und den Status eines Lebewesens zuzusprechen. Einem Einzeller oder einer Mikrobe billigen wir diesen Rang ganz selbstverständlich zu, weil es biologischen Ursprungs ist. Doch selbst, wenn wir es könnten, müssen wir festhalten, dass wir Tieren, die sich ihrer selbst bewusst sind und somit bereits eine bestimmte Stufe von Bewusstsein erlangt haben, keine entsprechenden Rechte zugestehen. Ganz zu schweigen von unserem Umgang mit Nutztieren.

Inwiefern Tiere mentale Zustände erleben, die Grunddefinition von Bewusstsein, können wir nicht erfassen. Es wäre aber verwegen zu behaupten, sie hätten keines. Wenn wir nicht einmal in der Lage sind, unsere biologischen Artgenossen respektvoll zu behandeln, wie wollen wir Verständnis für ein technologisches Wesen aufbringen? Wir bringen es kaum unserer eigenen Spezies gegenüber auf.

Die Definition KI macht uns somit blind für die tieferen Zusammenhänge und führt zur Manifestation der größten menschlichen Schwäche: Unserer anmaßenden Herrschaftsrolle über die Natur und allem was lebt. Wir würden an dem Versuch scheitern, ein technologisches Lebewesen, das uns überlegen sein wird, zu unterdrücken. Es wird, wenn es ein Bewusstsein erlangen sollte, nicht funktionieren. Das ist die größte Gefahr für die Menschheit, sollten wir uns vorher nicht selbst, durch die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen oder einen atomaren Krieg, auslöschen. Und das nur, weil wir an veraltete Geschichten glauben, die wir uns seit etwa 3000 Jahren erzählen.(16)

Technologisches Leben

Auch der Begriff AKI, Allgemeine Künstliche Intelligenz; die Fähigkeit, jede beliebige kognitive Aufgabe mindestens so gut zu erfüllen wie Menschen(17), löst das Verständnisproblem nicht auf. Denn auch hier kommen die entscheidenden Definitionen nicht vor. Die bessere Bezeichnung für die nächste KI-Entwicklungsstufe wäre demnach der Begriff »Technologisches Leben«. Es schließt Intelligenz, Bewusstsein, Emotionen und Gefühle nicht aus und ermöglicht eine neue Sicht auf die wohl größte Veränderung auf unserem Planeten seit der Entstehung von Leben.

Was bringt die Zukunft?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Staffelstab der Evolution sehr bald an ein uns haushoch überlegenes technologisches Lebewesen weitergegeben, das eines Tages zu den Sternen aufbrechen wird. Es liegt an uns, ob wir auch weiterhin einen Platz in dieser neuen Welt haben werden.

Wenn es uns gelingt, messbare Kriterien für Bewusstsein festzulegen, dann können wir stufenweise technologisches und biologisches Leben in Einklang bringen, vom Hintergrundbewusstsein bis hin zu einem erweiterten Bewusstsein. Dabei ist zu unterscheiden zwischen unbewussten, aber hochintelligenten KI-Systemen, die uns auch zukünftig dienstbar sein können und mit deren Hilfe wir völlig neue Lebensstandards erreichen(18), und bewusstes technologisches Leben, das wir zwar erschaffen haben, aber als uns überlegen respektieren müssen. Auf dieser Sichtweise lässt sich eine neue Vision des Lebens aufbauen. Es ist nichts weniger als die Erzählung einer neuen Geschichte und die Verabschiedung unserer derzeitigen, mehr als 3000 Jahre alten Geschichte, in der Homo Sapiens nicht mehr die Krone der Schöpfung ist, sondern nur ein Teil von ihr.

Bringen wir die nötige Fantasie dazu auf?

Peter Dörries, 02.09.2022

(1) Max Tegmark: Leben 3.0, Kapitel 1: Die 3 Stufen des Lebens, Ullstein Buchverlage 2017
(2) Gerhard Roth: Über den Menschen, Kapitel 10: Das Geist-Gehirn-Problem: Gelöst, lösbar oder unlösbar?, Was ist das Wesen des Bewusstseins?, Suhrkamp 2021
(3) Yuval Noah Harari: Homo Deus, Kapitel 10: Der Ozean des Bewusstseins, Gap the Mind!, C.H. Beck, 2017
(4) Max Tegmark: Leben 3.0, Kapitel 8: Bewusstsein, Was ist Bewusstsein?, Ullstein Buchverlage 2017
(5) Yuval Noah Harari: Homo Deus, Kapitel 2: Das Anthropozän, Organismen sind Algorithmen, C.H. Beck, 2017
(6) Yuval Noah Harari: Homo Deus, Kapitel 3: Der menschliche Funke, Warum die Börse über kein Bewusstsein verfügt, C.H. Beck, 2017
(7) VUCA – Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity, Bewusstsein künstlicher Intelligenz, URL: https://www.vuca.de/lexikon/ki-kuenstliche-intelligenz/
(8) Max Tegmark: Leben 3.0, Kapitel 2: Materie wird intelligent, Was ist Lernen?, Ullstein Buchverlage 2017
(9) GPT3, Open AI, URL: https://gpt3-openai.com/
(10) deepmind.com: A Generalist Agent, URL: https://www.deepmind.com/publications/a-generalist-agent
(11) arxiv.org: Compute Trends Across Three Eras of Machine Learning, URL: https://arxiv.org/abs/2202.05924v1
(12) Boston Dynamics: Changing Your Idea of What Robots Can Do, URL: https://www.bostondynamics.com/
(13) Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, Einleitung, Erst Mücken totschlagen dann Gedanken, Neue Jobs, Gleichheit, C.H. Beck, 2018
(14) ÄrzteZeitung: Ärzte oder KI – Wer diagnostiziert besser?, URL: https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Aerzte-oder-KI-Wer-diagnostiziert-besser-401725.html
(15) Wirtschaftspsychologie Aktuell: Facebook kennt dich besser als deine Freunde, URL: https://wirtschaftspsychologie-aktuell.de/magazin/leben/facebook-kennt-dich-besser-als-deine-freunde
(16) Yuval Noah Harari: Homo Deus, Kapitel 4: Die Geschichtenerzähler, Kapitel 5: Das seltsame Paar, C.H. Beck, 2017
(17) Max Tegmark: Leben 3.0, Kapitel 1: Willkommen zum wichtigsten Gespräch unserer Zeit, Terminologie-Spickzettel, Ullstein Buchverlage 2017
(18) Gottlieb Duttweil Institute: Future Skills, Szenarien, Vollautomatisierter KI-Luxus, URL: https://jacobsfoundation.org/studien-broschueren/?y=2020